Rabensturm (rabensturm) wrote,
Rabensturm
rabensturm

Über Stock und über Stein

Korsika ist mit seiner wildromantischen Landschaft besonders bei Wanderern beliebt. Das Hochgebirge bietet anspruchsvolle Wanderwege und auch einen europäischen fernwanderweg, der wohl nicht so ohne ist. Ich bin jetzt nicht ganz wanderunerfahren – aber mit Gepäck möchte ich den nicht laufen. Hätte ich mir vorher schon nicht zugetraut, nach Inaugenscheinnahme vor Ort aber erst recht nicht.

Einen Wandertag hatten wir aber trotzdem eingeplant und wohlweißlich die festen Wanderschuhe eingepackt. Ziel sollte die Restonicaschlucht bei Corte sein, wo man in ca. 1 Stunde zum Gletschersee „Lac de Melo“ wandern kann. So der Plan. :)


Da es bis Corte bekanntlich fast 2 Stunden Anreise waren, hieß es früh aufstehen. – Der Wecker klingelte, ich öffnete die Augen – und konnte gerade mal bis zum Balkongeländer sehen. Nein, das hatte nichts damit zu tun, dass ich noch keine Brille aufhatte – wir hingen mitten in den Wolken. Nicht gerade Wanderwetter. Also haben wir uns noch mal hingelegt, ausgeschlafen – und beim Sonnenschein gegen Mittag spontan entschieden, doch noch loszufahren. Ist doch Sommer, ist doch lange hell. ;)

Die Restonica ist ein Gebirgsbach, der den Gletschern bzw. Gletscherseen entspringt und in einer schmalen Schlucht gen Corte strömt. Nach dem Regen der letzten Zeit, war sie ein richtiger Fluß, reißend und strudelnd zwischen nackten Felsen hindurch. Die Schlucht an sich ist schon beeindruckend mit ihren hohen, schroffen Felswänden und Hochgebirgsflair. Und einer winzigkleinen Straße. *irx* Wirklich winzigklein. Am Eingang stand was von 1,90 m Maximalbreite, was um enge Kurven und Felsnase sicher nicht zu großzügig bemessen war. Mehr als 9 km hat sich die Straße die Schlucht hinaufgeschlängelt, immer auf einer Seite Hang, auf der anderen den ewig tiefen Abgrund. Leitplanke gab es nicht, meist nicht mal befestigten Rand, dafür spitze Steine an den Seiten und schon mal Brücken, wo rechts und links gar nichts mehr war. Brücken, gerade mal autobreit und eben nichts daneben. Die fand ich ja am gruseligsten. Das waren aber alles Nervensachen, die uns nicht wirklich abhielten, das Panorama zu genießen. – Problematisch war der Gegenverkehr! Die Straße war ja eigentlich nicht breit genug für zwei Autos. Aber es ist ein berühmtes Touristenziel und so gab es Gegenverkehr. Und das nicht mal zu wenig. Also konnte man sich nur vorsichtig um die Kurven pirschen, in der Hoffnung, bei Gegenverkehr ein bißchen Platz zum Ausweichen zu haben. Die Krönung war der Mann, der uns entgegenkam, uns gestenreich auf eine Ausweichbucht scheuchte (Größe Busbucht würde ich sagen) und dazu noch 4 oder 5 andere Autos, die nach uns kamen. – Es kam ein LKW von oben! *kreisch* Ok, wir waren am weitesten weg davon und konnten die Rangiermanöver mit grausiger Faszination verfolgen. Das Auto neben uns hatte da sicher keine Handbreit mehr Platz und andere Probleme als irre zu kichern. ;)

Aber wir sind heil oben angekommen!
Ende der Straße war ein Parkplatz an einer Berghütte – und ich sah mit Schrecken, dass der schon voll war. Jetzt gleich zurück? Das ganze Theater für nichts und wieder nichts? Aber dann war doch noch eine Lücke ganz vorn, in die ich gut reinpasste. – Das war der Moment wo Silph aussteigen wollte. *kicher* Rückwärts, am Hang hoch, auf der Schotterpiste? Bist du wahnsinnig? – Äh, ja, genau. Ich hab da prima reingepaßt. *g*

Das Adrenalin war nach der Strecke erst mal ziemlich hochgepusht – wir haben kurz Pause gemacht, was gegessen, Wanderschuhe angezogen – und dann ging es los in dieses wunderbare Hochgebirgspanorama:



Der Weg war gelb markiert und wirklich sehr wildromantisch. Keine Rede von kinderwagentauglich. Es ging über Stock und Stein immer bergauf und war eine sehr schöne Strecke. Laut Reiseführer sollte sich der Weg dann in einen schwierigen und einen einfachen Aufstieg teilen, wobei letzterer beim Weg über Schneefelder auch nicht gerade ohne sei. Da wäre der schwierige mit dem kurzen steilen Stück, über das zudem auch eine Kette hielft, letztendlich doch die leichtere Möglichkeit...

Ah, ja. Was ein Reiseführer so sagt...

Das jedenfalls war der ganz normale Weg (man kann am Baum auch eine gelbe Markierung erkennen):



Und beim Aufstieg haben wir ehrlich gesagt nicht mal gemerkt, wo ein anderer Weg abzweigte. Es wurde nur einfach steiler und steiler. Wasser gabs auch, so dass man zeitweise nicht wusste, ist das der Weg oder doch schon ein Bachbett...

Dann, die Kette:

´


Sah gefährlicher aus, als sie war, ich hoffte da aber doch schon, dass das der letzte wirkliche Anstieg war. Die Höhe machte sich inzwischen schon deutlich bemerkbar und ließ das Herz rasen und nach Luft schnappen. Und nein, die Kette war nicht das letzte Hindernis.

Die Treppen:



Die waren so steil, dass man das Gefühl hatte, nach hinten geneigt hochzuklettert. Zumindest der eine Absatz dazwischen hatte eine deutliche Neigung. Mit schwerem Wanderrucksack möchte ich da sicher nicht hoch! Und eigentlich wollte ich da auch nicht wieder runter. Aber wir waren uns eh schon einig, dass es als Rückweg die andere Strecke geben sollte, Schnee hin oder her.

Und nein, die Treppen waren nicht das letzte Hindernis. Das heftigste Stück kam erst noch. Eine Felsstufe, gut zwei, drei Meter hoch ohne jegliche Hilfe! Dafür aber hart an der Kante zum Wasserfall, so dass man im Rücken das fallende Wasser hatte. *irx*

Die Kette und die Leitern waren ja eher Nervensachen (eine normale Leiter ist ja auch nichts anderes) – aber das war richtige Kletterei. Silph folgte einem Wanderer, der sich seitlich an der Felsstufe versuchte. Da ich mit meinen kurzen Beinen schon nicht mal über die erste hohe Kante kam, hab ich es dann näher am Wasserfall versucht. Da gab es immerhin ein paar Vorsprünge, die man zum Steigen nutzen konnte. Tja, und da musste man dann hoch. Ging nicht anders. Da hoch oder umkehren... Es ging. Anstrengend zwar (mit der Stunde Weg und Kletterstrecke in den Beinen), aber es ging. Silph ist mir dann auch gefolgt – die Strecke, die der langbeinige Wanderer erklommen hatte, sah vielleicht leichter aus, war einfach nicht zu schaffen.

Immerhin war das dann wirklich das letzte Hindernis und wir standen endlich oben am See, dem Lac de Melo in 1711 m Höhe:



Wir haben erst mal verschnauft. Und dann erst die Landschaft bewundert. Und vor allem Picknick gemacht. ;) Ein Rotkehlchen leistete uns schimpfend Gesellschaft – keine Ahnung, ob es sich über unsere Anwesenheit beschwert hat oder was abhaben wollte. ;) Wir waren auch nicht die einzigen Wanderer da oben. Es kamen immer mal Menschen, manche liefen auch um den See oder noch weiter zum nächsten Gletschersee. Nee, nicht so k.o., nicht so spät am Nachmittag und auch nicht bei so dicht drohenden Wolken...

Der Rückweg dann führte uns die „leichtere“ Strecke entlang. Nun ja, leicht... Einfacher war sie sicherlich, aber trotzdem nur bedingt kindertauglich. Es ging schon damit los, dass der Weg oben am See über die reißende Restonica führte:



Ja, das ist der Weg. Sieht vielleicht auf dem Bild nicht viel aus, aber mir hats gereicht. – Und ehrlich gesagt hatte ich mit der Stelle mehr Probleme als mit Kette oder Leiter. Silph ist glücklicherweise rübergehopst und hat mir eine helfende Hand gereicht. Psychologische Hilfe. ;)

Es ging dann über eine Schotter- und Geröllebene abwärts. Nicht wirklich steil, aber man musste aufpassen, wo man hintrat. Oder wie eine Gemse von Stein zu Stein hopsen. *g* Dazu fehlte mir aber schon die nötige Frische und Sprungkraft. *g*

Über Schneefelder ging es auch:



Und auch noch einmal zurück über die Restonica:



Ja, das ist der Weg. ;)
Das es unten auch noch zu tröpfeln anfing, hat die Sache nicht leichter gemacht. Dabei waren wir da schon so abgebrüht, dass uns kleine Wasserstellen nicht mehr gestört haben und wir wirklich von Stein zu Stein gehopst sind. Nach den Hindernissen von oben doch nur ein Klacks. ;)

Insgesamt haben wir hoch ungefähr 1 Stunde und 15 Minuten gebraucht, rückzu hat eine gute Dreiviertelstunde gereicht. Wir waren ziemlich k.o. – aber natürlich auch stolz auf die bezwungene Wanderstrecke. :) Es war abenteuerlich schön und hat rückblickend sehr viel Spaß gemacht. In den einzelnen Momenten vor Ort angesichts uneinnehmbar erscheinender Wände nicht immer unbedingt. *g*

Franzosen und ihre Wanderwege – an der Beschreibung müssen die echt noch arbeiten...


Stimmung:
k.o. nach der Wanderung
Tags: reisen
Subscribe

  • Rückblick und Ausblick

    Mein Reisejahr endete damit, dass ich über den Jahreswechsel mal nicht in Dresden war, sondern Silph besucht habe. Das war sehr nett und gemütlich,…

  • Barcelona

    Barcelona! Wir haben an der Stelle doch alle Freddy Mercury und Montserrat Caballé im Ohr? Barcelona haben wir schon lange auf unserer Wunschliste,…

  • Marseille

    Auf unserer Reise durch das westliche Mittelmeer haben wir nun die italienische Küste verlassen. Nächstes Ziel war Marseille. Ich gebe zu, meine…

  • Post a new comment

    Error

    default userpic

    Your reply will be screened

    When you submit the form an invisible reCAPTCHA check will be performed.
    You must follow the Privacy Policy and Google Terms of use.
  • 0 comments