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drei

Erfurt

Letztes Jahr waren wir in Fritzlar für unser Treffen auf den Spuren des Heiligen Bonifatius. Dieses Jahr war Erfurt der Treffpunkt, wo sich durchaus auch noch bonifatiöse Spuren finden lassen. Außerdem liegt es mittig in Deutschland, so dass die Anreise für alle halbwegs gerecht war. Von Dresden aus war die Anreise sehr einfach, mit dem Zug, der jede Stunde fährt, zwei Stunden. Da ist man mit dem Auto auch nicht schneller.

Die werte Mitreisende hat ihre Bemerkungen zur Stadt und den Sehenswürdigkeiten hier schon mal aufgeschrieben. Meine Eindrücke wollte ich hier aber auch noch festhalten.

Erfurt ist eine sehr schöne Stadt – jeder sagt das – wir sagen das nach eigener Anschauung jetzt auch. Der historische Kern um die Krämerbrücke ist sehr hübsch, der Dom, der hochbeinig über seinen riesigen Vorplatz thront, ist sehr beeindruckend und auch sonst finden sich noch viele sehenswerte Ecken und Winkelchen. Erfurt wurde im Krieg kaum zerstört. Erfurt war im Mittelalter ein bedeutender Verkehrsknotenpunkt und sehr reich durch den Handel und den Anbau und die Weiterverarbeitung von Färberwaid. Das sieht man noch heute an den prächtigen Gebäuden der steinreichen und stickreichen Händler.



Wir haben eine Stadtführung mitgemacht, da wurden uns auch viele Sprichworte und Redewendungen erklärt, eben auch, dass das „stickreich“ mit dem Blaufärben verbunden war. Für die Verarbeitung (Fermentierung) des Farbstoffes wurde „Urin betrunkener Männer“ benötigt, was nicht eben wie Rosenblüten geduftet haben wird. Mittelalterliche Städte dürften eh keine Freude für moderne Nasen gewesen sein, im Färber- und Gerbergewerbe erst recht nicht. „Man konnte die Stadt riechen bevor man sie sehen konnte.“

Mit der Führung waren wir auch im Rathaus, das über zahlreiche großformatige Historiengemälde verfügt, die die Geschichte der Stadt erklären, von Bonifatius über Luther hin zu Napoleon und den Preußen, die die jahrhundertelange Zugehörigkeit zum Bistum Mainz ablösten. Das war spannend – und der Ratsaal mit seiner prächtigen Ausstattung ist wirklich sehr beeindruckend.

Erfurt ist lange schon Universitätsstadt (auch Luther studierte hier), was der Stadt heute noch einen jungen Eindruck verleiht. Überhaupt machte die Stad einen sehr entspannten, lebenswerten Eindruck, zu dem sicherlich auch das sonnig goldene Herbstwetter beigetragen hat und dass an jeder Ecke Eisverkäufer zu finden waren. Besonders zu empfehlen sei der Eiskrämer auf der Krämerbrücke. Die krämerbrücke ist natürlich auch so sehenswert mit all den hübschen Läden, Manufakturen und Künstlern.



Der Fluss durch Erfurt ist übrigens die Gera. Das mussten wir erst lernen. Auch, dass all die zahllosen Gewässer zum Fluss gehören und nur Flutgräben, Ableitungen und Teilströme sind.

Auch den Erfurter Dom haben wir besichtigt – wenngleich nicht sehr lange, da jemand Orgel übte und mit modernen Dissonanzen unsere Ohren quälte. Wir haben trotzdem die Skulptur von Bonifatius gefunden und das beeindruckende gotische Bauwerk bewundert. Der Dom ist 81,26 m hoch und besitzt mit der Gloriosa die größte freischwingende mittelalterliche Glocke der Welt. Der Dom diente aber nur kurze Zeit in der Mitte des 8. Jahrhunderts als Bischofssitz und ist erst wieder seit 1994 Kathedrale des neugeschaffenen Bistums Erfurt. Dazwischen gehörte Erfurt – wie schon gesagt – zum Bistum Mainz.



Der Dom befindet sich auf einem Hügel und thront sehr malerisch über der sonst eher flachen Stadt. Da der Hügel für die Anbauten nicht ausreichte, wurde ein beeindruckender Unterbau geschaffen, neben dem die 70 Stufen der breiten Treppe hinaufführen.

Im Inneren mochte ich besonders den Einhornaltar, aber auch der Armleuchter Wolframleuchter war hübsch, eine der ältesten freistehenden Bronzeskulpturen in Deutschland und die größte anthropomorphe rundplastische Bronze des europäischen Mittelalters.

Neben dem Dom hat Erfurt noch eine große Zahl weiterer Kirchen. Wir haben noch einige angeschaut, damit kann man sich wohl eine ganze Weile beschäftigen. ;)

Den besten Überblick hat man vom Domberg oder vom danebenliegenden Festungshügel. Die Zitadelle Petersberg wurde im 17. Jahrhundert unter Mainzer Herrschaft als Zwingburg angelegt, später von den Franzosen und Preußen als Befestigungsanlage genutzt.

Die Wälle und Bastionen und monumentale Mauern machen immer noch einen recht kriegerischen Eindruck, auch wenn sich heute auf dem Berg ein Café befindet, Kunst, das Bundesarbeitsgericht und der Beauftragte für Stasi-Unterlagen. Und wie gesagt, Ausblick gibt es sehr schön von dort oben. :)

Eine weitere Führung führte uns durch die Alte Synagoge Erfurt. Das Gebäude wurde erst in den 90iger Jahren wiederentdeckt, da es von anderen Gebäuden völlig umbaut und die ursprüngliche Funktion vergessen war. Im 14. Jahrhundert, im Rahmen von Pestprogromen (noch bevor die Pest überhaupt in der Stadt war), wurde ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung vertrieben. Die Synagoge ging in den Besitz eines Kaufmannes über, der einen Speicher aus dem Gebäude machte. Es war lange Lagerraum, später Gaststätte mit Tanzsaal und Bowlingbahn. Immerhin blieb es dadurch von weiterer Zerstörung verschont und ist heute die älteste erhaltene Synagoge Europas.



Das Gebäude selbst zeigt nur noch wenige Spuren jüdischen Lebens, es gibt aber derzeit eine interessante Ausstellung über Synagogen und deren Architektur. Im ehemaligen Tanzsaal befindet sich zudem eine Ausstellung zu jüdischen Schriften. Und – das Highlight – im Keller wird der jüdische Silberschatz ausgestellt, der 1998 in Erfurt gefunden wurde. Der Schatz stammt nicht vom Synagogengelände, er wurde aber vermutlich auch im Rahmen des gleichen Pestprogroms von 1349 hastig vergraben. Der Kaufmann, der den Schatz vor seiner Flucht vergraben hat, hat es vermutlich nicht geschafft zu entkommen…

Der Schatz besteht aus 28 kg Silber in Form von Barren, Münzen, Haushalts- und Kultgegenständen und Schmuck. Nicht alles ist explizit jüdischer Machart, was einerseits einen Einblick auf mittelalterliche Mode und Alltagsgegenstände zulässt, andererseits (vielleicht) auch ein Zeichen für Integration und selbstverständliche Durchmischung war. Ich mochte den Gürtel mit den Krebssymbolen, die ziemlich sicher keine jüdische Symbolik darstellen sondern vielleicht nur dem Zeitgeschmack entsprachen.

Prunkstück des Schatzes ist ein jüdischer Hochzeitsring, einer (der größte und schönste) von nur drei in Deutschland. Der Ring wird aus ineinandergreifenden Händen gebildet und trägt ein kleines Gebäude, auf dem in hebräischer Sprache Masel tov steht. In dem Gebäude befindet sich eine frei bewegliche Kugel, die bei Handbewegungen klingelnde Geräusche machte – wie die Führerin meinte: „Das ist wie beim Schokoladenhasen das Glöckchen, da weiß man immer, wo die Braut ist.“

Man kann sich auch die Mikwe, direkt an der Krämerbrücke, noch anschauen, darauf haben wir dann aber verzichtet, wir haben ja schon einige solcher Bauwerke gesehen. Die Führung in der Alten Synagoge war jedenfalls super, begeistert und kenntnisreich vorgetragen, auch wenn das Tempo möglicherweise für manchen Besucher etwas schnell war. ;)

Ansonsten haben wir es in Erfurt ruhig angehen lassen und die Zeit in unserer sehr geräumigen Ferienwohnung auch zum Quatschen und Spielen genutzt. Denn in der Hauptsache ging es ja um das Treffen. :)

Stimmung:
bonifatiös

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