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Tynwald Day

Ich erwähnte ja schon, dass die Isle of Man ein Parlament mit langer Geschichte hat. Das Parlament – der Tynwald – ist seit dem Jahr 979 sogar das älteste, durchgehend funktionierende Parlament der Welt. Der isländische Thing ist zwar noch älter, hatte zwischendurch aber Unterbrechungen. Zurück geht die Tradition auf die Wikinger, die gar nicht nur die hörnerhelmtragenden Wilden waren, sondern auch Händler und Diplomanten.

Einmal im Jahr wird der Tynwald gefeiert – am 5. Juli, dem Tynwald day, dem Nationalfeiertag der Isle of Man. Es hat sich eher zufällig ergeben, dass der Tag in unserer Urlaubszeit lag. Aber wenn schon, denn schon, da mussten wir uns das natürlich angucken. Spaßigerweise hatte unser B&B-Vermieter am Morgen noch erklärt, dass er selbst da noch nie war, obwohl er doch Einheimischer ist.

Gefeiert wird am Tynwald Hill, einem stufigen Hügel in St. John’s in der Mitte der Insel. Man kann sich vorstellen, das die Feierlichkeit bei so langer Tradition sehr formell und traditionell ist. Für uns war das sehr spannend und unterhaltsam und interessant. Kalt leider auch, weil nach Tagen des Hochsommers ausgerechnet am Feiertag Manannan seinen Mantel über die Insel breitete. Und im Kleidchen war es dann doch arg frisch…



Der Hügel war abgesperrt. Als wir kamen wurde eben der Weg vorbereitet, den die Honoratioren von der Kirche zum Hügel ziehen. Dazu wurden Binsen auf dem Weg verstreut – sowas kenne ich nur aus Märchen, Binsenstreu in Hütten. Außerdem trugen alle Offiziellen ein Sträußchen Beifuß am Revers.



Ich weiß, Beifuß ist eine Pflanze, die mystisch stark mit Mittsommer und Sonnenwende verbunden ist, aber das hat mich trotzdem erstaunt. Aber ein frohes Erstaunen, ich mag es, wenn solche altertümlichen Rituale in die Gegenwart übernommen werden.

Wir haben uns erst mal den Festplatz angeguckt und die Stände, die ringsum aufgebaut waren. Wir haben Postkarten geschenkt und völlig ahnungslos an einem Ortsrätsel teilgenommen, bis wir uns schließlich einen guten Platz an der Begrenzung des Festplatzes sicherten, mit bestem Blick auf den binsenbestreuten Weg. Da konnten wir erst die Volkstanztruppe beobachten, dann wie diverses Militär Aufstellung nahm fürs Ehrengeleit. Solch militärisches Gehabe sieht man bei uns ja eher selten. Kadetten von Marine und… äh… irgendwas anderem… haben Aufstellung genommen, wurden ausgerichtet. Das ging so zu, wie man sich das klischeehaft vorstellte mit bärbeißigen Veteran der die Jungs und Mädels anweist, ordentlich dazustehen und das Hemd reinzustecken. Dann aber auch ganz und gar nicht klischeehaft, weil die Vorgesetzten auch herumschlichen und den Jugendlichen Traubenzucker zusteckten und sorglich darauf achteten, dass keiner umkippte. Das ist trotzdem passiert – die Disziplin musste nur immer so weit reichen, dass sie bei nahender Schwäche auf ein Knie gingen und warteten, bis ein Sani sie rausfischte. Spannende Sache. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie das mit Umkippen gewesen wäre, wenn da die Sonne draufgeknallt wäre – zumindest dafür waren also die frischen Temperaturen ganz gut.

Wir haben den Einzug wichtiger Leute beobachtet. Das war zunächst der Vizegouverneur der Isle of Man, der der Vertreter der britischen Königin ist. Es kamen Militärmusikkorps, es wurden Kränze niedergelegt und Kriegsopfern gedacht. Es gab auch einen Überflug der Luftwaffe von Wales aus – die waren sehr pünktlich, man hat sie ob der Wolkenschicht aber nur gehört und nicht gesehen. Gleichzeitig fand in der Kirche ein Gottesdienst mit den Mitgliedern des Parlamentes statt. Deren Einzug zum Hügel haben wir dann aber nicht mehr abgewartet, weil uns zu kalt geworden war. Wir haben also nicht zuhört, wie die Gesetzesentwürfe des letzten Jahres öffentlich verlesen wurden, um Gültigkeit zu erlangen. Wir haben auch nicht aufgepasst, ob Bürger ihre Anliegen vorbringen, wozu sie an dem Tag Gelegenheit haben.

Wir haben Audrey einen Besuch abgestattet:



Vintage mobile Cinema – In den 60iger und 70iger Jahren gab es in Großbritannien eine kleine Flotte mobile Kinos, die der Volksbildung und Unterhaltung dienen sollten. Nachdem das Programm eingestellt wurde, fanden die meisten der Fahrzeuge andere Verwendung. Dieser Bus konnte aber wieder aus dem Dornröschenschlaf geweckt werden und fährt jetzt wieder übers Land. Auf Festivals und bei Feierlichkeiten kann man Audrey antreffen. Gezeigt werden kurze historische Filmchen zum Bus und seiner Geschichte, aber immer auch historische Filmchen zum jeweiligen Standort. Wir haben also historisches Filmmaterial über die Isle of Man gesehen, vor allem über den Tourismus in den 50iger und 60iger Jahren. Das Ganze ist kostenlos, nur um eine kleine Spende wird gebeten. Das ist wirklich charmant – und drinnen waren wir windgeschützt und konnten uns aufwärmen.

Wir hatten dann nicht mehr so richtig Lust, uns noch mal ins Festtagsgetümmel zu stürzen. Wir haben uns noch das Wikingerdorf angeschaut, dann aber zugesehen, dass wir durch Parkplatzchaos und gesperrte Straßen wieder weg kommen. Wir haben uns in wärmere Sachen gehüllt – auch wenn es außerhalb von St. John’s nicht so bewölkt und damit wärmer war.

Weil Feiertag war mussten wir uns für das Nachmittagsprogramm dann was suchen, was nicht geschlossen war. Wir haben uns für das Grove House Museum in Ramsey entschieden. Das ist im Osten der Insel, so dass wir erst mal wieder ein Stück über den TT-Kurs gekurvt sind.



Grove House ist ein Anwesen, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Es wurde Ende 19. Jahrhundert von einem vermögenden Mann als Familiensitz gebaut und ausgestattet. Dessen Enkelinnen, die Schwestern Gibb, lebten hier bis ins hohe Alter genau in den Rahmen, den sie übernommen hatten. Sie waren als junge Mädchen ins Haus des Großvaters gekommen. Als der starb, hatte die Großmutter die Oberhoheit, später deren Schwester und dann die Töchter und Enkelinnen. Ein kleines Matriarchat, das auch in finanziell schlechteren Jahren ihr hübsches kleines Reich zusammenhielt.



Ich mag Häuser, die aussehen, als sei der Bewohner nur eben weggegangen. Häuser, in denen die Zeit stehengeblieben ist. Dazu kommt, dass es bei Grove House wirklich sehr freundliches Personal gab, das uns herumgeführt hat und Details zu den Zimmern erzählte und über die Lebensgeschichte der Familie. Drei Leute, die die Zimmer hüteten und alle drei gleichermaßen auskunftsfreudig und freundlich waren.

Auch außerhalb des Hauses gab es noch ein bisschen was zu sehen, ein paar Landwirtschaftsgeräte, alte Kutschen, den Garten und ein bisschen Farmgetier, vierhörnige Manx-Schafe und Wassergeflügel. :) Man könnte auch im Wintergarten Tee trinken, aber wir haben uns erst mal an unsere eigenen Keksvorräte gehalten. Auf jeden Fall ein lohnendes Ziel!

Mehr von Ramsey haben wir erst mal nicht angeschaut – wir sind wieder raus aus dem Ort, ganz nach Norden um den Leuchtturm am Ende der Insel anzuschauen. Ganz im Norden den Point of Ayre.



Der Leuchtturm ist der älteste der Isle of Man. Man kann leider nicht ran – aber man kann an den Schotterstrand, der dem Ort auch den Namen gab (nordisch: Eyrr – Schotterstrand/Kiesstrand). Schotter gab‘s genug, man konnte nur nicht überall drauf, weil da die Vögel brüten und deswegen geschützt sind.



Schottland ist nicht weit, es sind nur 26 km bis dahin. Wir hatten gute Sicht und konnten die schottischen Hügel gut sehen. Eine hübsche Ecke, die zur Ginsterblüte bestimmt noch mal toller aussieht.

Auf dem Weg zum Essen haben wir am Abend noch mal an einem hübschen Friedhof Halt gemacht – Friedhöfe sind ja immer spannend. Der liegt direkt neben einer TT-Tribüne am Hang und war im Abendlicht besonders malerisch:



Wir sind dann nur noch Essen gewesen, noch mal im Horse & Plough, wo sie tatsächlich Silphs Tuch gefunden hatten. Gegessen habe ich einen leckeren Ale Pie.

Stimmung:
historisch

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